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23.06.2003
Bericht in der SPOHO Zeitung "Carpe diem"

Privatisierung der Jahnwiesen?

Es geht um die Freizeit von einigen tausend KölnerInnen


Das neue Stadion gehört ihr schon, die Nebengebäude ebenfalls. Jetzt streckt die Sportstätten GmbH ihre Fühler nach weiteren Anlagen im Sportpark Müngersdorf einschließlich der Jahnwiese aus. „Wenn wir das neue Stadion jenseits des Pachtvertrags mit dem 1. FC Köln erfolgreich vermarkten wollen, müssen wir auch Zugriff auf das Umfeld haben“, sagt Hans Rütten, Chef der GmbH. Die Übertragung des Geländes hätte jedoch auch Folgen für den Freizeitsport. „Wir können auf den Jahnwiesen nicht mehr alle HobbysportlerInnen für ein symbolisches Nutzungsentgelt spielen lassen.“ Davon betroffen wäre auch die Bunte Liga Köln, die als alternative Fußballorganisation seit 15 Jahren von der Institution Jahnwiese profitiert. Diese Organisation startet jetzt Protest gegen die Privatisierungspläne der Stadt.


Das Privatisierungsgeschäft mit der Stadt sieht folgendes vor: Die Sportstätten GmbH bekommt das Gelände, dafür investiert sie bis zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 zwischen acht und 15 Millionen Euro. Darin enthalten ist die Renovierung der Fassaden des denkmalgeschützten Stadioneingangsbereichs, die Verbesserung der Verkehrssituation u. a. durch den Ausbau des Fuß- und Radwegenetzes, Erweiterung des Parkplatzes an der Jahnwiese zu einem Rettungsplatz und eine neue Bepflanzung. Allerdings müssten die Kosten für diese Sanierung wieder eingenommen werden, die sich allein aus der Stadtkasse wohl kaum bezahlen lassen. Aber scheinbar gibt es bereits jetzt Anfragen von Unternehmen, die das komplette Areal für Veranstaltungen nutzen wollen (Automobilmessen, Konzertveranstaltungen, etc). Zusätzlich wird darüber nachgedacht, fortan auch die Jahnwiesen-Nutzung von FreizeitsportlerInnen teurer bezahlen zu lassen.

Betroffen wären tausende KölnerInnen, denn diesen dient die Jahnwiese allwöchentlich als Freizeitoase und sportliches Betätigungsfeld. Seit Jahrzehnten ist diese Verbindung zum Breitensport eine feste Tradition in Köln, ab und zu finden auch größere Turnierveranstaltungen statt, wie z.B. der Come-together-Cup der Kölner Medien (auch wieder am 19.6.03). Vor allem zahlreiche Fußballspiele – organisiert oder spontan – werden hier durchgeführt, meist an den Wochenenden. Auch die Freizeit-KickerInnen von der Bunten Liga Köln nutzen die Jahnwiese seit 15 Jahren regelmäßig. Deren Chef-Organisator Rudolf von Schorlemer bekräftigte angesichts der jüngsten Meldungen zur geplanten Privatisierung: „Die Jahnwiese ist das Herz des Kölner Breitensports und absolut einmalig in der Stadt. Der Verlust der Wiesen würde nicht nur für die Bunte Liga, sondern für viele Vereine und NachwuchsportlerInnen das Ende bedeuten. Es geht nicht um ein paar Meter Rasen, sondern um die Freizeit von einigen tausend KölnerInnen.“ Vor zwei Wochen reagierte die Bunte Liga Köln dann auch mit der Aktion „Jahnwiese für alle“, einer Initiative zur Rettung der Spielfelder für den Breitensport.

„Machen Sie sich keine Sorgen“, sagt dazu Hans Rütten. In einem Interview mit dem WDR Fernsehen versprach er vor laufender Kamera, dass die Nutzungsbedingungen für den Breitensport auch nach einem Besitzwechsel der Sportflächen unverändert blieben. Doch mensch sollte skeptisch bleiben. Mit gutem Grund. Zwei Tage nach dem Interview mit dem WDR kündigte der Chef der Sportstätten-GmbH die Vorlage eines vom Sportausschuss der Stadt in Auftrag gegebenen Gutachtens zur Prüfung der weiteren Verwaltung der Flächen um das Stadion an. Vom Breitensport ist dabei nur noch am Rande die Rede, die Investitionen im Stadionumfeld werden ultimativ an die Übertragung der Flächen gebunden und ihre kommerzielle Nutzung gefordert – 450.000 Euro Einnahmen pro Jahr sollen über Großveranstaltungen auf den Wiesen erzielt werden. Rütten betont die kommerziellen Aspekte einer Flächenübertragung und spricht von „spürbaren Einschränkungen der heutigen Nutzung“, ohne klar zu stellen, was damit gemeint ist. In der Bunten Liga wird jedoch geahnt, wie sich gleiche Nutzungsbedingungen und spürbare Einschränkungen vereinbaren lassen. Einer der über 800 Hobbykicker vermutet: „Mittwochs morgens kann dann vielleicht weiter Breitensport betrieben werden, am Wochenende aber dürfen die Kicker mit dem Leder am Fuß durch große Autoausstellungen dribbeln oder sich mit Blick auf die VIP-Zelte zahlungskräftiger Stadionbesucher von den Spielen vergangener Zeiten berichten“.

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